Getanzte Alterswerke

Alterswerke in der Literatur und in der Bildenden Kunst sehr geschätzt, aber im Tanz?

Während die Arbeiten von Louise de Bourgeoise, Maria Lassnig, Pablo Picasso, Goethe, Samuel Beckett, Astrid Lindgren, Simone de Beauvoir im Alter hoch geschätzt werden, müssen sich ProfitänzerInnen mit dem Älterwerden auf Unterricht und Choreographie beschränken- von einigen Ausnahmen abgesehen.

Das Odeon Theater in Wien,
die ehemalige Wiener Getreidebörse, erbaut in den 80-ger Jahren des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil der italienischen Renaissance. Adaptiert und am Leben erhalten vom Serapions Ensemble, das auf die freie Entfaltung und Zusammenführung von Musiktheater, Tanz, Schauspiel und bildender Kunst setzt. Herbst 2008. Das Festival „Berührungen“, kuratiert von der Tanzjournalistin und Autorin Andrea Amort, findet statt. Wera Goldman betritt die Bühne. Sie tanzt den 23. Psalm Davids „Der Herr ist mein Hirte“ zum hebräischen, deutschen und arabischen Text. Wera Goldmann ist 87.

Japan:
Weiß geschminktes Gesicht, rote Lippen, schwarz umrandete Augen, ein blauer Kimono, so performte Kazuo Ohno, im Alter von 93 Jahren bei der Japan Society von Manhattan. Kazuo Ohno, der große alte Mann des Butoh, gilt als Mitbegründer des „Tanz der tiefsten Finsternis“ oder „Tanz der Dunkelheit “genannt.
Butoh oder Ankoku Butoh entstand nach dem 2. Weltkrieg in Japan und setzt sich mit dem so genannten Hässlichen, Groteskem, Ekelerregendem, mit Sterben, Tod, Transformation auseinander, ist eine „Konfrontation im endlosen Kampf zwischen der unsterblichen Seele und dem vergänglichen Körper“.
In einem Interview mit der „tanz“ Korrespondentin Akiko Takachi (magazin swisslife) sagte Kazuo Ohno:

„Wir werden alt, der Körper wird schwach. Darum geht es von jeher, sogar im Butoh. Immer geht zuerst die Seele von dannen, der Grund des Herzens leert sich. Erst danach folgt der Körper“.

Geboren wurde Kazuo Ohno 1906 in Hokkaido, er starb im Juli 2010.Der Starathlet und Sportler fand erst spät zum Tanz, seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er im Alter von 43. Schlüsselerlebnis war für den Japaner die Performance von La Argentina, der legendären Flamenco Tänzerin Antonia Mercé. „Admiring La Argentina“ nennt er seine Solo-Choreographie, mit der er selbst noch als 80-Jähriger auftritt.
Obwohl Kazuo Ohno nach 2001 nicht mehr gehen konnte und später im Rollstuhl saß, fand er immer noch Wege, sich über Bewegung und Tanz auszudrücken. Im Alter von 97 tanzte er ein Duett mit seinem Sohn. Nach seinem 100. Geburtstag „tanzte“ er mit seinen Händen oder kroch auf allen Vieren. Sein Tanz kam nicht aus der Technik sondern aus der Seele wie er Akiko Takachi erklärte:

„Als ich mal in Kirschblüten tanzte, war es meine Seele, nicht mein Körper, die Seele, die dafür sorgt, dass der Körper sich dem Baum näherte. Erst meine Seele, und dann folgte mein Körper. Die Beziehung zwischen dem Körper und dem Kirschbaum wurde spirituell. Aber nichts passiert, wenn die Seele nicht dabei ist“.

USA:

„Altern ist wie eine Erleuchtung mit vorgehaltener Pistole“

sagt Anna Halprin. Die Amerikanerin war vier als sie mit dem Ballettunterricht begann und knapp 90 Jahre später ist die Tänzerin mit dem „Körper einer flinken Ziege“ (New York Times Kritiker John Rockwell) immer noch in Bewegung, auch auf der Bühne.
„Bewegung kann uns ins Heim der Seele bringen, in die innere Welt, für die wir keinen Namen haben",
schreibt Halprin in ihrem Buch „Tanz, Ausdruck und Heilung.“
Im Laufe ihres Lebens hat sie 150 Tanzwerke geschaffen, Konzepte von rituellen Community Dances zu entwickelt, darunter ein jährlich getanztes Frühlingsritual namens „Circle the Earth: A Planetary Dance for Peace“ und Tanzprogramme für und mit unheilbar kranken PatientInnen durchgeführt. Sie hat an sich selbst erfahren, dass Tanz eine Art Medizin für Körper und Seele sein kann.
Ein möglicher Ausgangspunkt für ihre Leidenschaft könnte in Anna Halprins Kindheit liegen. Sie beobachtete mehrmals ihren jüdisch-orthodoxen Großvater beim Beten in der Synagoge. Erhobene Hände, den Kopf nach hinten geworfen, ein Körper, der hin und her schwang.

Mein ganzes Leben habe ich nach einem Tanz gesucht, der mich so tief berühren würde, wie mein Großvater damals berührt war", sagt Halprin  "Für mich sah er aus wie Gott und so dachte ich, Gott sei ein Tänzer.“

Ihre jüngsten Projekte beschäftigen sich meist mit Verfall und Sterben. Mit 83 Jahren ließ sie sich filmen, als sie nackt tanzte, den Körper mit blauer Farbe beschmiert und eine Perücke aus Zweigen auf dem Kopf. In dem von ihr kreierten Stück „Intensivstation“ trat sie an der Seite von drei jüngeren Partnern auf. In teils offenen, klaffenden Krankenhemden zeigen
die Darsteller körperlichen Schmerz, Terror und Aufbegehren, bevor sie schließlich akzeptierend in den Tod sinken. Es sei „schwer hinzugucken, aber unmöglich wegzuschauen", urteilte ein Kritiker.
Vor dem Krebs lebte ich, um zu tanzen", sagt Halprin.
"Seither tanze ich, um zu leben."
Es war im Jahr 1975 als die damals 55-Jährige merkte, dass der Krebs zurückgekommen war. Seit drei Jahren hatte sie mit einem künstlichen Darmausgang gelebt, zuvor waren ihr Teile des Darmes und der Eierstöcke entfernt worden. Der Arzt gab ihr vier Wochen, bevor sie in die Klinik kommen musste. Im Verlauf dieser Zeit organisierte Anna Halprin eine Tanz Zeremonie, bei der es um ihr Überleben ging, denn
„Menschen haben schon immer Formen von Tanz genutzt, um das Mysterium des Lebens zu verstehen.“
Sie lud zehn Freunde und Angehörige als Zeugen für ihr Solo ein, mit dem sie ihre Ängste ausdrücken wollte.
Gehüllt in eine schwarze Kutte windet sich die Tänzerin vor einem Selbstporträt aus kantigen, dunklen Linien. Sie heult, kreischt, schluchzt, ballt die Fäuste, fällt auf die Knie und stöhnt wie ein waidwundes Tier, bis sie erschöpft zusammenbricht. Später tanzte sie einen versöhnlichen zweiten Akt vor einer fröhlicher gehaltenen Selbstdarstellung. Als Halprin anschließend zum Arzt ging, war kein Krebs mehr festzustellen. Bis heute glaubt die Tänzerin, dass ihr „reinigendes" Solo eine Spontanremission bewirkte“ (Magazine swisslife).
Danach arbeitete Halprin zunehmend mit Nichttänzern, darunter unheilbar Aids-Kranken und Krebspatienten, mit denen sie die therapeutische Wirkung von Tanz zu erforschen versuchte.
„Jeder ist ein Tänzer",
sagt Halprin, die einmal eine Aufführung mit 69 Altersheimbewohnern besetzte, bei der diese in Schaukelstühlen sitzend koordiniert vor- und zurückwippten.
 „Nie habe ich seelenvolleres Tanzen gesehen.“

Kazuo Ohnu und Anna Halprin sind Ausnahmen selbst unter den Profitänzern ebenso wie Merce Cunningham, einer der Revolutionäre des zeitgenössischen Tanzes, der gelegentlich auch noch im Alter performte und aus dem Rollstuhl choreographierte. Von diesem Vertreter des ‚reinen Tanzes’, der bestrebt war, Seelen- und Gemütszustände von der Bühne fernzuhalten und die Abhängigkeit der Bewegung von der Musik aufzulösen stammt das berühmte Zitat:

“Dance is movement in time and space. Its possibilities are only limited by our own imagination and our two legs.”