Tanz als Ritual, als Medizin, als Lebenselixir

Recherche in Benin, Brasilien, Malawi, Marokko.

Ausschnitte aus 80 minütigen Reportagen.

Getanzte Meditation

 10.Jänner, Ouidah 10.Jänner, Ouidah

10. Jänner: offizieller Religionsfeiertag. Seit 1996 ist der Vodou anerkannte Staatsreligion im Benin. Am Strand von Ouidah versammeln sich Politiker, Könige, Oberpriester, aber vor allem Tanzende und Musiker. Unabhängig davon feiern die Familien mehrmals im Jahr Zeremonien und Rituale für die jeweilige Gottheit. Koffi Kôkô, Tänzer, Choreograph und initiierter Priester:

"In der afrikanischen Kultur, in der Kultur des Vodou, bedeutet Meditation nicht , die Augen und den Mund zu schließen und still zu sein. Während der Zeremonien kommunizieren wir über den Tanz. Der Tanz ist das Gebet, das ist die Philosophie."

Wenn der Körper singt und die Trommel tanzt

Koffi Kôkô: "Bewegung beginnt in der Stille und sie endet auch dort. Es ist jene Stille nachdem alle Kämpfe aufgegeben und alle Wünsche fallen gelassen wurden. Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen haben sich zurückgezogen. Körper und Seele sind rein und nackt ohne die Wunden und Verletzungen zu verstecken."

Vimbuza, die Krankheit tanzen

Ein Besuch bei den Heilerinnen von Malawi.

Das "Wartezimmer"- eine graue Matte im rötlichen Sand. Darauf fünf jüngere Frauen in Bluse und Wickelrock sowie die „Behandlungsinstrumente“: ein  Becher mit Kräuterabsud, eine Schüssel voll Cassava Mehl, eine  schlammgrüne Decke, ein Teller mit Sand und getrockneten Kräutern, Schellen. Noch fehlen die „Anästhesisten“. Es ist ein kühler Abend und die Trommeln müssen über dem Feuer erwärmt werden. Dann ist es soweit. Mary Sayenda, Leiterin der Vimbuza „Klinik “ in Gombe, Malawi, hält einer ihrer Patientinnen Kräuterrauch unter die Nase und stülpt die Decke über die Frau. Die Trommler setzen ein, unterstützt durch das Singen und Klatschen der Dorfbevölkerung, die sich rund um die „Klinik“ versammelt hat. Die Decke wird weg gezogen, der Körper der jungen Patientin mit  Kräuterabsud bestrichen. Man legt ihr  Schellen um Hüfte und Knöcheln. Mary Sayenda zieht mit dem Cassava Mehl einen Kreis um die Matte: die Bühne, die Arena, der Behandlungsraum. In diesem Kreis wird die Frau ihre Krankheit, oft „großes großes Kopfweh genannt “ austanzen.
Nach etwa zwei Stunden ist alles zu Ende. Bernard Kwilimbe, stellvertretender Direktor der Abteilung Kunst und Kunsthandwerk im Ministerium für Jugend, Sport und Kultur in Malawi entschuldigt sich für die verkürzte Darstellung des Vimbuza Heiltanzes, der oft eine ganze Nacht hindurch dauert. Im Verlauf dieser Nacht tanzen die Kranken bis zur totalen Erschöpfung und der/die HeilerIn erhält in Trance  Informationen über die Krankheit.

Als „institutionalisierte Trance“ bezeichnet der US Anthropologe Steven Friedson diese Form der Besessenheit, weil Trance als akzeptierter Bestandteil der Kultur und nicht als etwas Pathologisches gesehen wird. Im Interview sagte er:" In vielen afrikanischen Kulturen sind Ästhetik und Heilung keine voneinander getrennten Wissensbereiche. Vielmehr gehören sie auf einer tieferen Ebene eng zusammen. Heilen ist in Malawi eine Kunstform, weil Ästhetik einen Teil der medizinischen Technologie darstellt."

Vimbuza zählt heute zum immateriellen Weltkulturerbe, aber im 19 und 20. Jahrhundert  wurde es von den christlichen Missionaren  wie auch von der englischen Kolonialregierung verboten. Man bezeichnete die Vimbuza Leute als  Betrüger und Hexendoktoren. Als Scharlatane gelten die Vimbuza HeilerInnen bei vielen an der Schulmedizin orientierten Ärzten auch heute noch. Es wird beklagt, dass die Leute statt ins Spital zu den HeilerInnen gehen. „Ja das ist richtig “ bestätigt  Vimbuza Experte Boston Soko, Professor an der Universität Mzuzu im Norden Malawis „viele sterben deswegen“. Malawi zählt nicht nur zu den ärmsten Ländern der Welt, es hat auch eine der höchsten Aids Raten.  Auf der anderen Seite gibt Bernard Kwilimbe zu bedenken, sind die Spitäler oft überfordert. Die westlich geschulten ÄrztInnen erkennen, anders als bei Malaria und Aids, die Symptome der Hexerei nicht, sie behandeln Krankheiten, die durch Ahnen oder  Vimbuza Geistwesen  ausgelöst werden  wie herkömmliche Geisteskrankheiten.

Steven Friedson hat ein Buch über seine Feldforschung in Malawi geschrieben: “dancing prophets“ und er hat selbst die Wirkung des Tanzes erlebt:
„ Das Tanzen war eine tiefe Erfahrung für mich. Einerseits war ich nachher völlig erschöpft. Auf der anderen Seite lernte ich, dass sich meine Hüften von selbst bewegten- wenn ich mit den Trommeln mitging. Ich hatte ja diese Schellen um die Hüften gebunden und dieser Gürtel wurde fast zu einem Musikinstrument- dadurch war das Tanzen nicht so ermüdend. Als es vorbei war, hatte ich diesen diffusen Bewußtseinszustand, in dem ich nicht nur mit meinem Kopf dachte. Vimbuza zu tanzen, war eine Art Parallelerfahrung. Ich war nicht besessen sondern in einer anderen Bewusstseinsebene.“

Lila de derdeba

Eine therapeutische Nacht bei den Gnaoua in Marrakesch.

Die Lila, ein kodifiziertes Besessenheitsritual, beginnt bei Sonnenuntergang und endet bei Sonnenaufgang, es ist die spektakulärste Zeremonie der Gnaoua, eine der ältesten Bruderschaften Marokkos, Mystiker des Islam. Ihr Gründer soll Bilal gewesen sein, jener vermutlich abessinische, freigelassene Sklave, der zum Begleiter von Prophet  Mohammed wurde und erster Muezzin des Islam war.

Typische Gnaoua Musikinstrumente: Trommeln, Klappern, aber vor allem die Guimbri, eine dreisaitige Laute, die während der Lila nur vom Maalem, dem Meister gespielt werden darf. Der Maalem hat eine langjährige Lehre hinter sich, er muss die Wahrsager Therapeutinnen bei ihren Praktiken begleiten können und das gesamte Repertoire der Anrufungen und Beschwörungen kennen. Der Meister ist ein Experte für das Anhalten oder Vorantreiben von Trancezuständen. Die von der Musik ausgelöste Trance soll das seelische Gleichgewicht wiederherstellen.

Besuch bei Bilal, einem Hersteller der Guimbri:
Bilals Atelier befindet sich in einem der ärmeren Vierteln von Marrakesch. Ein baufälliges Haus, in das ein Loch, der Eingang, hineingeschlagen wurde, der etwa 8m2 große Raum eine unverputzte Höhle. Links vom Eingang ist ein 20cm breites Brett zu erkennen, das die Katze eingenommen hat. Auf einer weiteren Bank sitzt Bilal mit angezogenen Beinen. Ein Kerzenstumpen beleuchtet einen Topf, in dem sich Wasser und farblose Fäden befinden. “Gedärme eines Schafes“ erläutert Bilal. Er rollt die dünnen, wie ein fester Zwirn aussehenden, Fäden zusammen, bis sie eine Saite der Guimbri ergeben. Die stärkste Saite besteht aus 14 Fäden, die zweite aus 9 und die dritte aus 6 Eingeweiden. Bespannt ist die Guimbri mit der Haut vom Hals eines Kamels.

Die Lila:

Sie beginnt mit einer Prozession. Die Gnaoua bewegen sich zu dem Haus, in dem die Lila stattfindet. Im ersten, unterhaltenden, Teil des Abends wird gegessen, getrunken. Die Gnaouas rauchen, spielen, tanzen, amüsieren sich.
Nun bewegt sich eine Prozession aus dem Hinaus hinaus. Frauen tragen Kerzen und Datteln. Die mlouk und djinn werden begrüßt, denn die Gnaoua glauben an drei Arten überirdischer Wesen: mlouk, das sind eher harmlose Geister, die sowohl weiblich als auch männlich sein können und nach Farben und Gerüchen differenziert werden; die djinn, gefährliche, dem Menschen oft übel gesinnte Gestalten; die Heiligen. Ganz Marokko ist ja mit Heiligengräbern überzogen. Allein in Marrakesch gibt es 7 Heiligengräber, zu denen Menschen mit Problemen pilgern.
Nachdem Getränke und Essen abgeräumt wurden, beginnt der ernste Teil der Lila.
Der auf Außenstehende komplex wirkende Ablauf orientiert sich an der Reihenfolge von 10 Farben.

Ja, es ist wahr, die Gnaoua Musik ist ein Verkaufsschlager, die Gnaoua werden von 5 Sterne Hotels gemietet, sind Teil des Tourismusgeschäftes. Aber dürfte ich zehn Ereignisse in meinem Leben wiederholen, die Lila in Marrakesch wäre darunter.

Samba de Roda, Brasilien

Ein Lokalaugenschein im Recôncavo, Salvador de Bahia unter der Leitung von Katharina Döring, Musikethnologin und Samba de Roda Spezialistin.

Samstag Nachmittag. Trotz größter Hitze klettern die Mitglieder der Gruppe Teodoro Sampaio den Hügel hinauf zu Paiaos Häuschen. Hier, unter Mango- Cajá- und Siriguela Bäumen, werden später MusikerInnen, SängerInnen und TänzerInnen einen Kreis (Roda) bilden und eine Frau nach der anderen wird diesen Kreis betreten, um zu tanzen.
Samba de Roda, die „Urmutter“ des Samba, ist hier im Recôncavo entstanden, der ehemaligen Kernzone für Sklavenwirtschaft, Tabak -und Zuckerrohranbau sowie Zuckerraffinerien.
Mein Herz hängt am Samba“ sagt die pensionierte Lehrerin Dona Fita „er gibt Kraft und Stärke.“ Angeregt von Bier und Cachaca sind die zumeist über 60-Jährigen trotz der Hitze voll in Fahrt. Ihre Lebenslust und Freude an der eigenen Musik überträgt sich auch auf die Gäste darunter der Bürgermeister der nahe gelegenen Stadt Teodoro Sampaio. Er hofft auf eine Revitalisierung des Samba, der als Musik der Alten gilt und  auf einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Region „die ist zwar arm, aber unsere Rhythmen sind reich." Die richtige Bewegung der Füße ist beim Samba de Roda das Wichtigste. Die Füße werden schnell nach vorne und rückwärts und seitlich geschoben als würde die Tänzerin schweben ohne deswegen den Kontakt mit dem Boden zu verlassen. Hüften, Schultern, Kopf bewegen sich unabhängig von einander.
Die Musiker sind Könner von Chulas, improvisierter Verse und relativos, den Antworten darauf.  Die Chula Texte erzählen vom Samba, schönen Frauen, hartem Alltag. Sie können obszön, politisch, satirisch sein. Das Herzstück des Samba de Roda ist die Viola, ein Instrument mit 5 Doppelsaiten.  Violaspieler werden heute als Rarität angesehen, denndie Hersteller und Könner dieses Instruments sterben allmählich aus. Samba de Roda  gilt als Musikstil für die Alten und hat ein antiquiertes Image.

 Sonntag Nachmittag in Maragojipe, einer Kleinstadt im Recôncavo. Im Haus von Maria de San Pedro, einer Näherin, sind die Mitglieder der Gruppe 'Roda de Samba Resgate' zum Essen eingeladen: Caruru, Krabben und Erdnüsse gekocht in Palmöl; Moqueca, Fischeintopf in Kokosmilch; Vatapá, eine Paste aus getrockneten Krabben, Cashewnüssen, Koskos, Ingwer, Koriander; Maniok und Reis. Nach dem Essen gibt es bis zum Abend Samba de Roda im Garten. Mit dabei ist der über 80-jährige Manuel de Veio, der Fischer Antonio und Eduardo, ein ehemaliger Landarbeiter. Manuel ist mit Samba aufgewachsen, er könnte 24 Stunden hindurch singen, ohne einen Text zu wiederholen. Antonio sagt, der Samba bedeute alles für ihn, er könne sich ein Leben ohne Samba nicht vorstellen. Dem stimmt Eduardo zu. Er hat vier Kinder, die mit der Musikleidenschaft des Vaters nichts anfangen können.
„Ganz schön dumm“ findet Eduardo „ die haben auch keinen Spaß am Leben.“

Tanz für die mächtigen Mütter, Westafrika

Savè, Benin, Samstagnachts. Hunderte Menschen haben sich am Marktplatz versammelt. Händler verkaufen Essen und Getränke. Eine Neonröhre beleuchtet das aus Palmblättern geformte Tor, in dem plötzlich Efe, die große Maske, steht. Sie zögert und betritt dann die Arena, um zu tanzen und Lieder zu singen, die von  historischen Ereignissen, Yoruba-Gottheiten, politischen Vorkommnissen und alltäglichen Beobachtungen handeln. Ich bin bei dieser Gèlèdè Nacht dabei und das war nicht einfach. Es kam wie so oft in Afrika: zu Beginn aussichtslos, problematisch, chaotisch und am Ende Harmonie.Die Zeit dazwischen...wir reden nicht darüber. Das Ergebnis zählt.

Gèlèdè, dieses Gesamtkunstwerk aus Oper, Straßentheater, Kabarett und Ritual findet zu Ehren der „ursprünglichen Mutter“ statt, in der man „das regulierende Lebensprinzip“ sieht. Es geht dabei nicht um das Geschlecht sondern um das „weibliche Prinzip“. Die Yoruba, eine der größten Ethnien Westafrikas, glauben, dass Frauen über eine doppelte Macht verfügen, die sie sowohl positiv wie auch negativ einsetzen können. Aus Respekt vor dieser Macht bezeichnet man die Frauen als „unsere Mütter“, was von der westlichen Literatur oft fälschlicherweise mit dem Wort „Hexen“ übersetzt wird. Das Gèlèdè-Ritual, in dem Männer für Frauen singen und tanzen, appelliert nun an die Großzügigkeit und Fürsorglichkeit der Frauen, der Gemeinschaft bei Dürre, Kinderlosigkeit und anderen Problemen zu helfen.

Die Fachwelt ist sich nicht ganz einig, wie diese gesellschaftliche Anerkennung der Frauen in der traditionellen Yoruba-Gesellschaft zu interpretieren ist: als Ausdruck feministischer Power, da Frauen und noch dazu ältere Frauen vor und während der Zeremonie eine besondere Rolle einnehmen? Als Harmonisierungsinstrument, da diese Macht den sozialen Frieden der Gemeinschaft garantieren soll? Oder bedeutet Gèlèdè nichts anderes als großer Respekt vor großer Macht?

Die weltweit ziemlich einzigartige Masken-Performance wird bis heute in Togo, Nigeria und Benin praktiziert. Die Gèlèdè der westafrikanischen Republik Benin wurden von der UNESCO als eine der ersten kulturellen Ausdrucksformen in das „mündliche und immaterielle Erbe der Menschheit“ aufgenommen.