Schatzsuche, Short Story

Die Schatzsuche Ich treffe Marianne in der „ Apotheke zum tanzenden Engel“. Diese Abgabestelle von legalen Betäubungsmitteln für die Seele, teilweise sogar krankenkassenfinanziert, hat ihren Handlungsspielraum großräumig ausgedehnt. Mariannes Arbeitsplatz ist nun nicht mehr ausschließlich ein Ort, wo hustende, verschnupfte Menschen ihre Antibiotika abholen und von dem chronisch Kranke Salben, Sprays und Pillen sackweise nach hause tragen sondern ein multifunktionaler Shop mit Unterhaltungsprogramm. Auf runden Kaffeehaus Tischen liegen Zeitschriften auf, ein Flachbildschirm zeigt alte Stan Laurel and Oliver Hardy Filme, einem Brunnen in Bonsai Format können die Konsumentinnen und Konsumenten ionisiertes Wasser entnehmen. Marianne verkauft seit einiger Zeit Pfeffer aus Madagaskar, Safran aus dem Iran, Chi Pads aus Hongkong sowie effiziente chinesische Gelenks Cremen, deren Beipackzetteln bedauerlicherweise nur in chinesischer Schrift verfasst sind. Dazu kommen Tinkturen, Tees, Öle, Wein und Filzpantoffeln in Eigenproduktion. Die Apotheke ist im Besitz von Mariannes Tante einer Frau mit Expansionsdrang. Als erstes erstand sie ein leer stehendes ehemaliges Stehcafe gegenüber dem tanzenden Engel, heute ein Mini Vegi Imbiss Restaurant. Ein Monat später etablierte sie, in einem nebenan frei gewordenen Bäckergeschäft einen hoch preisigen Bio Kosmetikladen, nach weiteren zwei Monaten waren ein Flower Shop und ein Soul Care Center für Yoga, Tai Qi, QiGong, Bachblüten und schamanisches Trommeln dazugekommen. Marianne konnte einiges verhindern aber nicht alles, denn ihre Tante ließ sich von ihrem Sohn Ludvik beraten. Ein ehemaliger Betriebswissenschaftsstudent, der nach zwei längeren Indientrips, einem mehrwöchigen Aufenthalt im Shaolin Kloster, zwei siebentägigen Huna Workshop in Hawai, sowie dem Besuch bei einem peruanischen Schamanen sein Universitätsstudium abgebrochen hatte. Warum auch nicht, dank seiner geschäftstüchtigen, schwer arbeitenden Mutter konnte sich Ludvik Zeit für jenen Weg lassen, der wichtiger als das Ziel sein soll. Vor einem halben Jahr fand Ludvik seine Bestimmung. Seither bietet er sein Wissen als spirituelles, transzendentales Coaching im Managementbereich an. Er coacht Führungskräfte, die Sehnsucht nach Sinn und die Bereitschaft für etwas Neues haben. Bedauerlicherweise spricht Bernhard, mein Chef, darauf nicht an. Ich hätte ein Encounter beiden Seiten gegönnt. „Ich bin ein Seelen Coach“ scherzt Ludvik und schaut einer Frau meiner Altersgruppe tief in die Augen „mein Sensorium hilft jedem, die eigene wahre Natur zu ergründen“. marianne und ich i.d. apotheke 2 „Göttin bewahre meine Seele vor diesen Klempnern“, das sage ich natürlich nicht laut, obwohl mir Marianne recht geben würde. Marianne muss an diesem Abend im neu eröffneten Soul Care Center anwesend sein und hat mich um Unterstützung gebeten. Natürlich gibt es zur Eröffnung die unvermeidlichen Dinkel- und Haferkekse mit Honig gesüßte Marmeladen selbstverständlich ohne Schokoladeüberguss. An Getränken bietet Ludvik Ingwer- Apfelschalen- und Jogi- Tee an. Es hätte mich verblüfft, wenn eines der Zentren etwas anderes als preiswertes, aromatisiertes heißes Wasser ausschenken würde. Mir fällt Mariannes Freund Wolfgang ein. Damals, Mitte der achtziger Jahre wurden die Medizinmänner der Cherokee, Lakota, Creek und Huichol nach Europa eingeflogen. Eigentlich müssten sie, die ersten Warner vor einem Klimawandel und nicht Al Gore, mit dem Friedens Nobelpreis ausgezeichnet worden sein. Aber ich weiß natürlich, dass Gerechtigkeit keine Kategorie des irdischen Lebens ist und auf das nächste würde ich mich nach derzeitigem Wissensstand auch nicht verlassen wollen. Einem dieser Schamanen gelang es, Wolfgang aus seiner Depression zu holen. Da Marianne die Organisatoren des Cherokee Mannes kannte, hielten wir uns oft in deren Haus auf. So kam es, dass ich den indigenen Hüter des Wissens nach getaner Arbeit stundenlang vor dem Fernseher sitzen und Coca Cola trinken sah. Seinen Heilkräften schien diese Form von Entspannung nicht abträglich zu sein. Inzwischen weiß ich, dass die Gottheiten des afrikanischen Kontinents sowie der karibischen Dependancen, die Candomblé Orixás, die Vodou Loas, die Santeria Orishas und Santos, nicht ungern Rum und Gin zu sich nehmen, manche fordern das sogar ein. Ludvik hat sich übrigens nebenbei auf den Import von italienischen Weinen spezialisiert und bietet in regelmäßigen Abständen Weinverkostungen an. So gesehen hat spiritueller Coach schon seine Berechtigung. Das Beratungsteam vom Soul Care Center wurde natürlich von Ludvik ausgesucht und zusammengestellt. Es sind schöne junge Menschen, die mit unbefangenem Gemüt Körper- und Seelenunterricht geben werden. Man könnte mir Neid auf Jüngere unterstellen- vielleicht sogar berechtigt- aber welche Yogaphilosophie kann mir ein Zwanzigjähriger vermitteln? Welche Hilfe ist von einer fünfundzwanzigjährigen Expertin für Bach Blüten zu erwarten? Was soll ich davon halten, wenn eine Chemikerin schamanisch trommelt und ihrem Publikum erklärt, dass es sich nun auf die Suche nach seinem schamanischem Krafttier begeben soll. „Ich habe aber eine Katzenallergie“ antwortet eine Frau. „Wo kann ich denn die Tiere sehen, wo sind die denn?“ fragt eine zweite. Wie immer sind in solchen Kursen vorwiegend Frauen anzutreffen. Die schamanisch Trommelnde gibt Hilfestellung: „Diese Tiere sind nur während unserer Reise zu sehen. Sie können zum Beispiel einem Löwen oder einem Bären, begegnen. Dieser Bär wird ihnen immer dann, wenn sie ihn anrufen, zur Hilfe kommen“. marianne und ich i.d.apotheke 3 Ich kann fast hören, dass sich die zweite Frau innerlich fragt, wie der Bär weiß, dass sie ein Problem mit ihm klären muss, wenn er doch über kein Handy verfügt. „Und was wenn ich eine Kakerlake treffe?“. Ich hätte es gerne gefragt, wollte aber Marianne nicht vor Ludvik in Verlegenheit bringen. „Negative, ihnen nicht wohltuende Energien können Sie auch mit einem Ei entfernen. Sie fahren mit dem Ei um Kopf, Rücken, Brust, Bauch, Beine und werfen dann das Ei weg“ setzt die selbsternannte schamanische Trommlerin fort. Ich wünschte, ich hätte eine Zwölfer Packung bei mir meinetwegen auch aus der Käfighaltung. Nicht dass ich die Sinnhaftigkeit von Reinigungsritualen bezweifle, aber was soll diese One - Minute Zubereitung von Instant Schamanismus. Marianne und ich schauen einander an und ziehen Grimassen. Aufzustehen und hinauszugehen ist unmöglich, denn jetzt ergreift Ludvik das Wort. „Ich möchte Ihnen die Geschichte eines Rabbi erzählen. Dieser Rabbi hatte einen Traum. In diesem Traum wurde ihm aufgetragen, nach Prag zu fahren und bei Vollmond auf der Karlsbrücke zu warten. Damals war das eine noch sehr umständliche Reise, aber das hielt den Rabbi nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. In einer Vollmond Nacht stand er also auf der Karlsbrücke in Prag. Er konnte den Mond nicht sehen, denn es regnete. Kurz vor Mitternacht bemerkte er einen alten Mann, der einen Wagen hinter sich herzog. Genau gegenüber vom wartenden Rabbi blieb der Alte stehen. Nach einiger Zeit, beide waren inzwischen triefend nass, fragte der er: „Warum stehen Sie da nachts im Regen herum?“. Der Rabbi antwortete, er habe diesen Auftrag in einem seiner Träume bekommen. Das sei interessant, meinte der alte Mann, denn auch er hätte einen Traum gehabt. In diesem Traum sah er einen Mann wartend auf einer Brücke stehen, obwohl zu hause hinter dessen Ofen ein großer Schatz vergraben war. Das gab dem Rabbi zu denken, er fuhr nach hause, schaute hinter dem Ofen nach und fand tatsächlich einen Schatz. „Was ich also sagen will“ fuhr Ludvik fort „ist folgendes: das wonach wir suchen finden wir in uns selbst “. Wie ist es zu ertragen, dass Menschen wie Ludvik einen an sich richtigen und bemerkenswerten Satz aussprechen, diesen damit aber gleichzeitig zur absoluten Banalität degradieren. Ich weiß woher Ludvik seine Plagiatsstory bezogen hat, denn ich habe ihm „ Der Alchimist“ zum Geburtstag geschenkt. Ein andalusischer Hirte träumt von einem bei den Pyramiden vergrabenen Schatz. Nach langen Reisen findet er diesen auch. Allerdings an jenem Ort, von dem er einst aufgebrochen war, um den Schatz zu suchen. Während Paulo Coelho, was immer man von ihm als Autor halten mag, die Wichtigkeit betont, den eigenen Träumen nachzugehen auch wenn das Gesuchte letztlich in der eigenen Umgebung zu finden ist, verkürzt Ludvik diese Geschichte um ihren nicht unwesentlichen Aspekt. marianne und ich i.d. apotheke 4 Denn der Rabbi, der, wie wir alle, unzählige nächtliche Filme durchlebte, hätte auch einen anderen Traum für bedeutend halten können. Dann wäre er vielleicht nach Alaska gereist, hätte sich von der Poesie der watschelnden Pinguine bezaubern lassen, wäre fortan auf einem Forschungsschiff zur Wal- und Pinguin- Beobachtung unterwegs gewesen und allmorgendlich mit einem überbordenden Glücksgefühl in seinem Herzen erwacht. In Alaska gab es nichts zu graben und zu schürfen, denn täglich öffnete sich die Schatztruhe der Natur aufs Neue. Es hätte natürlich auch so kommen können, dass der Rabbi von der Brücke in die Moldau fiel, bedauerlicherweise nicht schwimmen konnte und von einem jener moslemischen Immigranten, die in Europa um Asyl ansuchen, gerettet wurde. Der Immigrant, ein ehemaliger Hausdiener, hatte heimlich im Pool von Sadam Husseins Bruder schwimmen gelernt. Von tiefer Demut und Zuneigung zu seinem Lebensretter erfüllt, wäre der Rabbi in seine Heimat zurückgekehrt, um dort ein jüdisch- moslemisches Begegnungszentrum aufzumachen, was von seiner Gemeinde nicht wirklich voll enthusiastischer Begeisterung aufgenommen wurde. Deswegen war er gezwungen, nun seinerseits auswandern und musste in einem ihm unbekannten Land leben. Lange Zeit dachte der Rabbi nach, wie er als Immigrant in diesem Land wohl über die Runden kommen könnte. Eines Samstag morgens hatte er eine Idee, die sein Leben verändern sollte. Er begann, natürlich erst ab Montag, von Lokal zu Lokal zu ziehen und jüdische Witze zu erzählen. Es fügte sich, dass in diesem Land gerade ein Streik der TV Drehbuchautoren stattfand. Die Fernseh Anstalten waren auf der Suche nach billigen Ersatz Programmen. Der Creativ Hunter eines großen Medienunternehmens stieß durch Zufall in einer billigen Bar auf den Witze erzählenden Rabbi. Er ließ ihm im Studio drei Witze erzählen und strahlten die Mini Show als Pausenfüller aus. Die Einschaltquoten surrten in die Höhe. Der Rabbi bekam zehn Minuten. Wieder ein Anstieg der Quoten. In Kürze verfügte der Rabbi über wöchentlich dreißig Minuten Sendezeit. Die Werbeagenturen standen Schlange und die Anstalt konnte die Zeiten doppelt so hoch verkaufen als früher. Der Rabbi wurde ein Medien Star. Er gründete sein eigenes Zentrum, selbstverständlich mit gut sortiertem CD und DVD Produkten aus der eigenen Kreativitätslehrschule, veranstaltete Kurse, Workshops und Coachingseminare und wusste irgendwann nicht mehr wohin mit dem ganzen Geld, das unerschöpflich zu ihm strömte. Es wäre natürlich auch denkbar, dass der Rabbi, schließlich war er ja Rabbi, gleich nach dem Traum zum Entsetzen seiner Frau und Kinder den gesamten Boden des kleinen Rabbi Häuschens aufgerissen und nach dem Schatz gewühlt hat, weil er ja schon wusste, dass der Schatz immer im eigenen Umfeld zu finden ist. Schließlich erzählte er ja allen, die bei ihm Rat suchten, diese Geschichte, sodass er sich den Umweg nach Prag , Alaska oder in die Medienbranche sparen konnte. Während er also wühlte und wühlte vergaß er, seine Aufmerksamkeit auf seine Tochter Mirjam zu richten, die sich fatalerweise in einen Goj verliebte, was die Mutter marianne und ich i.d. apotheke 5 zu einem Überkonsum an nassen Taschentüchern veranlasste ohne dass etwas zu verhindern gewesen wäre. Als der Rabbi von der Beziehung Mirjams zu dem römisch katholischem Teeverkoster erfuhr, drohte er, diese zu enterben, was niemand sehr ernst nahm, da es ja noch nichts zu vererben gab. Eines Shabbat fiel der Tochter in der Garage ihrer Eltern jener Ring zu Boden, den sie von ihrem Liebsten bekommen hatte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr niemand zusah- schließlich war ja Shabbat – bückte sie sich und stieß bei der Suche nach dem Ring unter dem verrosteten Autoschild auf etwas Hartes im Sand. Nun, wir wollen es nicht komplizierter machen, als es bereits ist. Mirjam fand letztlich diesen Schatz, den der Rabbi suchte. Das erwies sich als harte Prüfung für den Rabbi, denn die Tochter stellte ihn vor die Entscheidung: entweder ich heirate Alexander oder ich mache eine Ausbildung und werde Rabbinerin. Nun wusste der Rabbi natürlich, dass es schon einige Rabbinerinnen gegeben hatte, aber musste das in seiner Familie vorkommen. Also gab er die Einwilligung zur Heirat. Der Schatz entpuppte sich übrigens als eine Kiste voll alter Münzen, die schon damals Falschgeld waren als mit ihnen bezahlt wurde. Die schamanische Trommlerin hat sich inzwischen auf die Reise in die Unterwelt gemacht. Ludvik sitzt wie alle anderen mit geschlossenen Augen, in seinem Fall aber mit hingebungsvollem Lächeln, am Boden. Marianne zwinkert mir zu. Wir erheben uns leise und verlassen den Raum. Ich tröste Marianne und mich mit einem Satz von Carlo Schmidt: „ Der jüdische Witz ist heiter hingenommene Trauer über die Gegensätze dieser Welt.“ In der Küche füllen wir heimlich zwei Piccolo Sektfläschchen in unverdächtige Teeschalen.