Guatemala

Das Land der Nobelpreisträger- Miguel Angel Asturias und Rigoberta Menchú- und meines Frühstückskaffees.
 jacaltenango jacaltenango
Guatemala. 1979. Es sollte eine Reportage über jene Kaffeebauern werden, die mit Hilfe von EZA einen fairen Preis für ihr Produkt bekommen. Hätte ich damals beim Außenamt nachgefragt, ich bin sicher, man hätte mir von der Reise abgeraten.
Zu dieser Zeit gab es seit knapp 20 Jahren Bürgerkrieg in dem mittelamerikanischen Land, der erst 1996 durch die Unterzeichnung eines Friedensvertrages formell für beendet erklärt wurde. Während der Diktatur von General Efrain Ríos Montt kam es zum Genozid der indigenen Bevölkerung. Unter den Gefolterten und Ermordeten befand sich auch die Familie der späteren Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menschú.

Ich verbrachte mehrere Tage in Guatemala City, Antiqua, Chichicastenango, am Atitlán See. Zum ersten Mal sah, roch, spürte ich nackte, brutale Armut. Daran sollte erst wieder mein Aufenthalt in Haiti anknüpfen. Und überall waren Polizisten mit Gewehren präsent, in der Ankunftshalle am Flughafen, im Dutyfree Shop, vor Kirchen, Hotels, Geschäften.
Ich erinnere mich an ein Bild, virtuell gespeichert, denn ein Foto zu machen, wäre zu gefährlich gewesen: ein Kiosk  in unmittelbarer Nähe des Regierungsgebäudes.  Davor ein Polizist, die Hände am Gewehr. Einer seiner Füße steht auf einer rechteckigen, mit Schlamm überzogenen Platte auf dem Gehsteig. Später als der Polizist verschwunden war, las ich auf der Platte den Name eines Studentenführers, der 1978 hier an dieser Stelle bei einer Demonstration ermordet wurde.
Zwei Wochen lebte ich bei einer Kaffeebauernfamilie im Hochland, in Jacaltenango. Es war Regenzeit. Das Wasser stand tagelang knöcheltief in den kleinen Hütten. Das Funzellicht der Kerze ließ einen Herd erkennen, einen Sessel, Tisch und Bett. Acht Menschen lebten in diesem Raum.
Ich sah knochendürre Männer, die barfuss, mit gekrümmten Rücken, Lasten den Berg hinauf- und hinunterschleppten. Alle hatten wenig, tagelang auch gar nichts zum essen. Dann war ich beim Priester eingeladen, der im Ort lebte. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher Religionsgemeinschaft er angehörte, weiß aber, dass er aus den USA stammte. Er wohnte in einem gemauerten, trockenen, warmen Haus mit Teppichen, Decken und Lampen. Ich fragte ihn ob er sich in seinem Überfluss  wohl fühlen könne inmitten dieser ihn umgebenden Armut. Die Frage gefiel ihm nicht. Vielleicht verständlich, denn zehn Prozent der Bevölkerung Guatemalas führten damals ein hundert- bis tausendfach luxuriöseres Dasein als dieser Priester. Ihnen, den Reichen, gehörte das ganze Land. Armut war kein Thema, auch nicht in den Tageszeitungen.
Ich sah, welche Hoffnungen die Kaffeebauern in die Genossenschaft setzten. Zum ersten Mal verfügten sie über eine Art garantiertes Einkommen, unabhängig davon, ob der Kaffeepreis stieg oder fiel. Sie konnten dadurch die Kinder in die Schule schicken, Mais, Zucker und Medikamente kaufen. Als die Genossenschaft eine Versammlung einberief, war der Saal voll, viele kamen trotz eines zwei, dreistündigen Fußmarsches und unterzeichneten die Verträge mit Fingerabdruck.
Immaterielles Reisesouvenir: Auf der Fahrt ins Hochland halten wir bei einem kleinen Lokal. Ich lade meinen Gastgeber, Senor Lopez, zum Essen ein. Die Tortillas werden auf den Tisch gestellt. Draußen vor dem Fenster versammeln sich ein paar Kinder und schauen uns zu. Senor Lopez  steht auf, kramt ein paar Münzen aus seinem Hosensack, kauft Bonbons und verteilt diese an die Kinder. Er kommt zurück, setzt sich und sagt mit leiser Stimme: “Ich kann nicht essen, wenn ich sehe, dass die anderen nichts haben.“






















Im Hochland von Jacaltenango

Senora Lopez Urgroßmutter Lopez mit Urenkelin Mittlere Generation Lopez Kaffebauer unterzeichnet Vertrag Markttag in Jacaltenango